Ein himmlisches Klangerlebnis
Von Michael Kristahn | Westdeutsche Zeitung vom 27. Dezember 2025
Der Messias von Händel in der Historischen Stadthalle

Countertenor Benjamin Lyko gewann zunehmend an Sicherheit und war Teil des spektakulären Abendprogramms. Foto: Andreas Fischer
Das 2. Chorkonzert der Spielzeit 2025/26 mit dem Oratorium „Messiah“ (deutsch: Der Messias, Der Gesalbte) HWV 56 von Georg Friedrich Händel wurde am ersten Weihnachtsfeiertag in der Historischen Stadthalle aufgeführt. Die Solisten waren Ina Yoshikawa (Sopran), Benjamin Lyko (Countertenor), Anle Gou (Tenor) und Henryk Böhm (Bariton). Es sang der Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal und es spielte das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Gesamtleitung von Clemens Flick.Händels einziges geistliches Oratorium basiert auf Bibeltexten in einer englischsprachigen Zusammenstellung von Charles Jennens. Für eine Konzerteinladung nach Dublin, begann er am 22. August 1741 mit der Arbeit am Messias und vollendete die Komposition innerhalb von 24 Tagen. Die Uraufführung fand in Dublin im Konzertsaal der Fishamble Street am 13. April 1742 vor 700 Zuhörern statt. Tatsächlich wurde der Messias nie genau so aufgeführt, wie Händel ihn 1741 geschrieben hatte. Er selbst hat das Werk laufend den Gegebenheiten angepasst.
Den Rahmen bildeten am vergangenen Donnerstag drei Teile mit 21 Chören, 14 Accompagnato-Rezitativen (orchesterbegleitete Erzählungen), 11 Arien (Betrachtungen), 7 Rezitativen (nur von der Bassgruppe begleitete Erzählungen) und je einem Duett- und Quartett-Solo. In der Vorlage folgen Prophezeiungen und ihre Erfüllung dicht aufeinander und der Handlungsablauf offenbart sich nur über Umwege: durch Schlussfolgerungen und Berichte. Altes und Neues Testament werden geschickt miteinander verknüpft. Am wichtigsten aber ist die Klarheit und Zuversicht, mit der der göttliche Plan abläuft: Von der Prophezeiung über die Menschwerdung, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt bis hin zur versprochenen Erlösung. Mit dem Messias wurde der Grundstein für die Massendarbietungen des 19. Jahrhunderts gelegt.
Interpretation des Werkes ist schnörkelfrei und lebendig
Clemens Flick legte er eine sehr zügige Interpretation vor: Schnörkelfrei, eigenwillig und lebendig wurden von ihm Soli, Chor und Orchester durch das Werk geführt, sodass es keine „Durststrecken“ gab. Das Sinfonieorchester stellte sich wie selbstverständlich auf die Gegebenheiten ein und trug wesentlich zum Gelingen der Aufführung bei. Die Sinfonia im Stil einer französischen Ouvertüre eröffnete das Werk. Besonders schön das Entschweben der Engel nach der Verkündigung an die Hirten und überhaupt alle Partien, in denen Händel mit den Texten „malt“.
Faszinierend war auch das intime Duett „Wie lieblich sind…“ mit Sopran, Violine und Theorbe. Das Solistenquartett war glänzend vorbereitet und bereicherte die Aufführung durch die ihm eigene individuelle Note. Beeindruckend auch die Schlagkraft des „Is God bevor us“. Je länger die Aufführung dauerte, umso befreiter und überzeugender gingen alle Mitwirkenden aus sich heraus. Mit seinem obertonreichen, zu Beginn etwas zu zarten Tenor gestaltete Anle Gou die tonmalerischen Girlanden. Dann der erste Chorauftritt mit „And the glory oft the Lord“. Mit seinem glänzenden und starken Bariton und einer überragenden Interpretation gefiel Henryk Böhm als Prophet auch in den Arien. Bei seinen Partien verschmolzen Musik und Text zu einer Einheit zusammen. Zu Beginn war Benjamin Lyko (Countertenor) schwer zu verstehen, sang zu leise und zeigte etwas zu wenig Gestaltungswillen. Er gewann aber zunehmend an Sicherheit.
Die Sopranpartien waren mit Ina Yoshikawa überragend besetzt. Als Engel konnte sie mit ihrer sympathischen Stimme und souveränen Interpretation die Herzen gewinnen. Sie hat auch die Fähigkeit, während des Singens laufend am Ton zu arbeiten, was sehr lebendig wirkt. Besonders sei hier auch auf ihre großartigen Koloraturen hingewiesen.
Der Chor der Konzertgesellschaft mit seinen 100 Sängerinnen und Sängern wirkte sicher. Manchmal hätte man sich aber mehr Flexibilität in der Gestaltung und mehr Homogenität im Klang gewünscht. Die Solisten integrierten sich nach ihren Solopartien in den Chor, was seine Präsenz verstärkte. Das Halleluja klang verspielt und erleichtert wie ein perlender Tanz. Das Werk schloss zum Finale mit der spektakulären Amen-Fuge. Es war ein unvergesslicher Abend.
